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„Es liegt in unserer Natur“ – Zum Vortrag von Prof. Dr. Ernst Peter Fischer anlässlich des Biologischen Kolloquiums 2019

Es liege in der Natur des Menschen, bequem, gewohnheitsgesteuert und letztlich unbelehrbar zu sein. „Die Unbelehrbarkeit des Menschen“ lautet daher auch der offizielle Titel des Vortrags von Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer (Universität Heidelberg). Anlässlich des diesjährigen Biologischen Kolloquiums sprach der renommierte Wissenschaftler und erfolgreiche Sachbuchautor („Die Verzauberung der Welt“, „Der kleine Darwin“) am Salvatorkolleg über den Klimawandel und die Schwierigkeit, für diese Herausforderung probate Lösungen zu finden.

Wer über die Natur spricht, der muss genau definieren, was er damit meint. Mit diesem Gedanken eröffnete Fischer seinen überaus kurzweiligen Vortrag. Und eine der Bedeutungen des Begriffes „Natur“ meint eben auch: Gewohnheit, Eigenheit. Bis ins 19. Jahrhundert stellten die Gewohnheiten und Eigenschaften des Menschen vermeintlich noch kein Problem dar, war doch in Wissenschaft und Politik alles wohlgeordnet, planbar und kalkulierbar. Erst mit dem 20. Jahrhundert breiteten sich dessen „Un-Sitten“ (Ernst Peter Fischer) aus, zu denen die Ungewissheit und die Uneindeutigkeit, auch und gerade in den Wissenschaften, zählen. Diesen Gedanken führte Fischer mit viel Witz und Verve aus.

In heutiger Zeit nimmt die Komplexität der Welt, die Masse an Daten und Informationen noch viel weiter und immer schneller zu, so dass der Mensch als einzelner wie auch die Menschheit im Gesamten überfordert sind. Und mit dem Ende der Utopien und des Machbarkeitswahns der 1960er-Jahre und der Einsicht der 1970er-Jahre, dass Ressourcen endlich sind und der Platz auf dem Planeten begrenzt, gibt es ein Problem, für das die Natur – nunmehr im Sinne von: die treibende Kraft der Evolution – keine Lösung vorgesehen hat. Der Mensch müsste sein Verhalten radikal ändern, kann dies aber nicht. Um wirklich nachhaltig zu agieren, müsste der Mensch, und somit jeder und jede einzelne, gänzlich umdenken und somit wider seine Natur handeln.

Dieses Umdenken, so Fischer, sei mit den Mitteln der Rationalität allein nicht zu schaffen. Dies ist das erstaunliche Fazit des Vortrags, beinahe schon eine Pointe: Um die Erde zu retten und kommenden Generationen ein lebenswertes Dasein zu ermöglichen, braucht es eben gerade nicht ein Mehr an Rationalität. Anstatt, in Begriffen der Geistesgeschichte gesprochen, zurück in die Aufklärung – deren Idee der Gestaltbarkeit aller Dinge letztlich für die industrialisierte Welt von heute mitverantwortlich ist – zu streben, sollte es laut Fischer eine Wiederbelebung der Romantik geben. Auch und gerade an Schulen ist es wichtig, dass der ästhetische und träumerische Zugang zur Welt erhalten und gefördert wird. Vor allem Schülerinnen und Schüler sollen so den Wert der Natur kennen lernen.
Im Anschluss an den Vortrag und eine Kaffeepause fand eine Diskussionsrunde statt, in welcher Fischer den zahlreichen Zuhörern Rede und Antwort stand.

Abschließend sei noch einmal allen gedankt, die zum Gelingen des Kolloquiums beigetragen haben: allen voran Biologielehrer Urs Fuchs, der für die Organisation zuständig ist, sowie Susanne Benzinger und Philipp Bauer. Zudem ist Lara Hengge und Michael Schnell (beide Kursstufe 1) für ihren Einsatz an der Kaffee-Bar zu danken.


Markus Benzinger

>> zum Artikel in der SZ vom 2. April 2019

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