Der Neubeginn nach dem 2. Weltkrieg und die Entwicklung bis 1974

Wurzach lag in der französischen Besatzungszone. So nahm der vom Provinzial P. Lukas Klose ernannte Schulleiter P. Dr. Reinfried Schneider Kontakt auf mit der Landesverwaltung von Südwürttemberg-Hohenzollern in Tübingen und erreichte: "Die Schule darf zu einem Vollgymnasium ausgebaut werden." Nachdem auch die französische Behörde keine Einwendungen machte, konnte das Salvatorkolleg in Wurzach am 6. November 1945 als erste Schule in ganz Württemberg den Unterricht aufnehmen. Die Umstände brachten es mit sich, dass der Stundenplan sprachlich überladen war. Sehr schwer war die Beschaffung der nötigen Lebensmittel, des Heizmaterials und aller Lehrmittel samt Schreibmaterial. Nicht weniger als neun verschiedene Behörden der Besatzungsmacht und des österreichischen Staates waren anzugehen, um von ihnen die Erlaubnis zu erhalten, die Physikgeräte und -apparate und Lehrbücher, die vor 1933 herausgegeben wurden, von Lochau zu erhalten.
Das zweite Schuljahr 1946 begann mit 177 Schülern, mehr als 300 Anmeldungen mussten abgesagt werden! Neu war nach dem Krieg, dass nicht nur solche Schüler aufgenommen wurden, die Priester werden wollten, sondern jeder, der bereit war, in einem katholischen Internat die religiöse Erziehung mitzutragen. Jetzt erst waren die Fächer Geschichte und Erdkunde als Unterrichtsfach erlaubt. Das Jahr 1947 war schwer, nicht bloß wegen des Mangels an Nahrungs- und Heizmitteln, sondern auch wegen der Schikanen von Seiten der Besatzungsmacht.
Bei der Schulschlussfeier am 20. Juli 1950 konnte der Schulleiter P. Reinfried feststellen: "Wir stehen heute an einem Markstein in der Geschichte des Kollegs, wenn wir heute zum erstenmal an zwölf Abiturienten nach fünf Jahren fleißigen Studiums die Reifezeugnisse verteilen dürfen."
Im Herbst 1950 übernahm P. Dr. Reinhard Kempter, der die Fächer Geschichte, Latein und Griechisch unterrichtete, die Leitung der Schule. 1954/55 überschritt die Schülerzahl die 300-Grenze.
Vieler Überlegungen bedurfte es, eine Lösung für die überfüllte Schlosskapelle zu finden. So entschied man sich 1955, die alte Kapelle als Atrium einer großen Kirche zu betrachten. 1956 weihte Diözesanbischof Dr. Josef Leiprecht die neue helle Kollegskirche ein, in der alle Platz fanden. Doch das Jahr 1956 barg auch einen Wermutstropfen: der erst 44- jährige Schulleiter P. Reinhard Kempter wurde am Fest Peter und Paul ganz unerwartet in die Ewigkeit abgerufen.
So wurde die Schulleitung sehr kurzfristig in die Hände von P. Dr. Sebastian Weih gelegt, der die Geschicke der Schule bis zu seiner Pensionierung (Juli 1976) mit viel Umsicht leitete.
Weitere Nöte und Engpässe im Schulbereich waren zu beseitigen: So konnte für den Sportunterricht 1959 eine neue Turnhalle im Park eingeweiht werden. 1963 zogen die Brüder in Wiesen in den neu erbauten „Aussiedlerhof" samt Wohngebäude um.
Im April 1973 tagte die Provinzsynode und gab grünes Licht „für die Eröffnung eines mathematisch-naturwissenschaftlichen Zuges neben den beiden schon bestehenden: altsprachlich und neusprachlich 1 unter Aufnahme aller Kinder, Jungen und Mädchen , die den schulischen Anforderungen gewachsen sind und unserer besonderen Zielsetzung entsprechen." Als die Schule 1974 ihr 50-jähriges Bestehen feierte, waren die Weichen für die Zukunft schon gestellt.

P. Leonhard Berchtold