Die ersten Anfänge 1924

Vorbemerkung:
Im Juli 1999 waren die ehemaligen Schüler eingeladen, die vor dem 2. Weltkrieg hier in Wurzach in die Schule gingen. Unter anderen reiste P. Ansgar Löhr aus Köln an, der in einer erstaunlichen Frische bis in die kleinsten Einzelheiten die ersten Anfänge schildern konnte. P. Leonhard Berchtold nahm das folgende Interview vor:

P. Leonhard Berchthold: P. Ansgar, Sie waren mit bei den ersten 24 Schülern, die ins Wurzacher Schloss im Mai 1924 eingezogen sind. Was war der Anlass für die Errichtung des Kollegs? Was wissen Sie noch davon?
P. Ansgar Löhr: Uns aus dem Norden hat man gesagt, wir könnten nicht - was naheliegend gewesen wäre - im Salvatorkolleg Steinfeld/Eifel beginnen, weil dort die Schule speziell für die Spätberufenen eingerichtet wurde. Aber ins Kolleg nach Lochau am Bodensee konnten wir auch nicht, weil das mit ca. 200 Schülern schon überfüllt war.
Das Generalat hatte recht kurzfristig beschlossen, das günstige Angebot vom Fürst von Waldburg-Zeil - das Schloss von Wurzach - anzunehmen. P. Querrikus Bürger, der damals auf dem Gottesberg war, hatte die Aufgabe übernommen, das Schloss im Laufe der nächsten Zeit für Schule und Internat herzurichten. Das Schloss war noch bewohnt vor allem von der Brauerei Schiele, deren Familie auch im Schloss gewohnt hat (im Westflügel). Im Rentamt, das erst später zusammen mit der Schlosskapelle gekauft wurde, war noch ein Büro für die Torfwerke untergebracht.
Zuerst wohnten wir 24 Schüler im Ostflügel. Im Parterre war das Refektorium, die Küche lag im Keller. Oben drüber waren zwei große Säle - Studien- und Studiersaal der eine und Schlafsaal der andere.
Wie haben Sie diese erste Zeit erlebt? Wer waren die ersten Salvatorianer?
Wir waren 6 Schüler aus Norddeutschland, die anderen kamen aus Süddeutschland.
P. Querrikus Bürger habe ich schon erwähnt und an Ostern 1924 kam P. Lukas Klose nach Wurzach, der aus Breslau stammte. Bald kam P. Reiner (Gutsfeld). P. Lukas gab Latein und Deutsch, P. Reiner gab die Naturwissenschaften. P. Lukas bat den Provinzial dringend um Versetzung von P. Paschalis Schmid nach Wurzach. Er war bis dahin in Lochau Präfekt. Der verstand etwas von den Finanzen. Es kamen dann noch P. Gregor Niederer und P. Fridolin Maier, sie kamen als Neupriester 1925. Ich kann mich an P. Clemens Seliger erinnern. Er war auch eine Zeitlang da. Als Brüder waren da Br. Gotthard (- den ich später in Brasilien wieder traf -) und die beiden Geser (Br. Wolfgang und Br. Laurentius) aus Reichenhofen. Br. Cyriacus Selg kam im November 24 als Kandidat. Der lebt ja noch bei euch. Der ist also genau so lange hier, wie die Schule besteht.
Was waren für euch Schüler die herausragenden Ereignisse in Wurzach?
Ich erinnere mich noch sehr genau, dass wir den Schornstein der Brauerei umgelegt haben.
Außerdem wurde eine Umgestaltung der Seitenaltäre vorgenommen: es wurde ein Marienaltar und ein Josefsaltar errichtet (in der Schlosskapelle); die Bilder, die jetzt wieder zu sehen sind, wurden herausgenommen.
Wir haben viel umgebaut: zuerst wurde das Dach im Ostflügel neu gedeckt. Neben der Küche haben wir einen Keller ausgehoben und Hilfe eines Maurermeisters eine ganze Nacht in zwei Schichten die Decke in einem Zug mit Beton gegossen. Wir waren begeistert.
Ich erinnere mich auch an den Abriss eines Teiles der Brauerei. Die Steine mussten wir alle putzen. Die wurden wieder verwendet.
Das Bild vom Salvator Mundi, das heute noch auf dem Giebel der Vorderseite des Schlosses zu sehen ist, das haben wir mühsam hinaufgezogen. Oben wurde das dann von Fachleuten befestigt. Das war ein gewaltiges Unternehmen, bei dem alle eingespannt wurden.
Wir haben auch ein Weihnachtsspiel in 5 Akten aufgeführt, das P. Lukas Klose extra geschrieben hatte. Da kam ganz Wurzach. Fünfmal haben wir das aufgeführt, so groß war die Nachfrage. Ich kann heute noch meine Rolle - ich war der 'Kronenwirt' wortwörtlich (Anm.: Er gab die volle Textprobe!). Es war ein wunderschönes Stück.
Aber wir hatten auch einen geregelten Unterricht. Das war selbstverständlich. Jedes Jahr sind wir einmal in die Berge gefahren - als Lohn für unsere großen außerschulischen Verdienste. Ich erinnere mich an die Breitachklamm. Ich erinnere mich auch an die Fahrt in den Bregenzer Wald. Wir schliefen in einem Heustadel in Mellau und kletterten auf die Canisfluh (Berg).
Einmal war unser Ziel der Grünten bei Kempten. Ein anderes Mal waren wir im Kloster Beuron, wo wir in einem großen Schlafsaal nächtigen konnten. Stellen Sie sich vor, mir hat es so gut gefallen, dass ich im zweiten Jahr in den Ferien gar nicht nach Hause - Sundern im Sauerland - fuhr. Es waren einige, die blieben. Es hat uns in Wurzach so gut gefallen und wir waren in die Lebensweise so verliebt, dass wir sogar über die großen Ferien hier geblieben sind. Weihnachten und Ostern gab es ja damals sowieso keine Ferien. Ich war also damals zwei Jahre nicht zu Hause bei meinen Eltern (im Jahr 1926).
Wann ist der Park dazugekommen?
Soviel ich mich erinnern kann, wurde der von uns sehr bald benützt; für uns Buben war der Kanal ringsherum interessant. Es wurde ein Kahn gekauft und mit dem sind wir rundherum gefahren. Und im Winter sind wir im Kanal Schlittschuh gelaufen. Das war eine tolle Sache.
Und zum Schwimmen sind wir hinausgegangen in die Ach. Da gab es so Erweiterungen.
P. Ansgar, ich danke für die interessanten Ausführungen!