Schätze, Schädel, Schönbrunn – Zur Studienfahrt Wien der Kursstufe 2

Ja, bist du deppert?!
Genau dies dachten sich viele der Schülerinnen und Schüler – wie auch die Begleitlehrer – bei der Ankunft in Wien, dem Ziel der Studienfahrt. Entsprechend dem Klischee, dass der durchschnittliche Deutsche (zu) wenig über Österreich weiß, wurden alle Beteiligten von einem unerwarteten Feiertag überrascht. Tatsächlich feiert unser Nachbarland am 26.10. seine Neutralität. Zu diesem Zweck wird am Heldenplatz das Militär aufgefahren. Da der erste Ausflug der Woche in die innere Stadt ging, wurden wir Zeuge der „Leistungsschau“ (auch bei Wikipedia mit Anführungszeichen geschrieben!) des Bundesheeres. Allfällige gehässige Kommentare der Schülerschaft („Da ist der österreichische Hubschrauber“; „Da ist das Flugzeug“ – „Das einzige funktionstüchtige?“ – „Nein! Das einzige, das sie überhaupt haben!“) ließen nicht lange auf sich warten. Gleichwohl konnte auch der Rest dieses Tages sinnvoll genutzt werden, sei es zum Auspacken, sei es zur Erkundung der näheren Umgebung rund um das Hotel, das zwischen Donaukanal und Augarten und im zweiten Bezirk liegt.

Touristenprogramm
Was für japanische Pauschalreisende Pflicht ist und von amerikanischen Touristen mit Aufmerksamkeit (aber nicht mit Interesse) besichtigt wird, stand praktisch sämtlich am zweiten Tag der Studienfahrt auf dem Programm: Hofburg, erster Bezirk, Stephansdom. Zu Beginn standen wir allerdings, wie schon am Vortag, gleich wieder vor verschlossenen Türen: Die Schatzkammer, berühmt für die Insignien des Heiligen Römischen Reiches, hatte geschlossen. Statt dessen ging es in die Silberkammer, wo die kaiserlichen Haushaltsgegenstände wie Besteck, Teller und überbordend prunkvolle Tafelaufsätze verwahrt werden. Den Abschluss des „Hausbesuchs“ bildete die Besichtigung der Kaiserappartements in der Hofburg. Während die relativ kühlen Temperaturen und der schneidende Wind nicht gerade zum Verweilen auf dem Stephansplatz einluden, sorgten sie dafür, dass ein anderer Ort als (zumindest klimatisch) sehr angenehm empfunden wurde: Die Kaisergruft an der Kapuzinerkirche. Wohl keine andere Stadt hat ein solch intimes Verhältnis zum Gevatter Tod wie Wien, und kaum eine Dynastie zelebrierte das Ableben derart wie die Habsburger. Ein schlagender Beweis hierfür ist etwa der Sarg Kaiserin Maria Theresias und Kaiser Franz I. Stephans in der Größe eines Möbelwagens.

„Hic locus est ubi mors gaudet…
… succurrere vitae“ (Hier ist der Ort, wo der Tod die Freude hat, dem Leben zu helfen). Diesen Satz könnte man, entsprechend unserer gestrigen Erfahrungen, schon fast über den Stadtplan von Wien schreiben, er ist aber lediglich das Motto des anatomischen Museums im Narrenturm. Und wer bislang noch nicht an das Stereotyp vom morbiden Wiener (oder dasjenigen vom morbiden Mediziner) glaubte, wurde nun eines Besseren belehrt: Die für die Schülerinnen und Schüler freiwillige Führung durch die anatomische Sammlung geriet durch die sachkundige, aber überaus lakonisch-zynische Vortragsweise des Museumsführers zur makabren Show. Beeindruckend sind viele der Exponate trotz, zumeist aber gerade wegen ihrer grausigen Anmutung allemal. Einen deutlichen Kontrast zu den stickigen, feuchten und vollgestellten Räumen im Narrenturm bildete Schloss Schönbrunn, wo die Raumfluchten und die theresianischen Polstersessel kein Ende nehmen wollten. Den stärksten Eindruck auf alle machten aber die Weitläufigkeit des Schlossparks und die schiere Dimension des Gebäudes.

Schatzkammern
Eine der bedeutendsten Schatzkammern Wiens, vor allem für Freunde der Geowissenschaften und der Biologie, stellt das Naturhistorische Museum (NHM) dar. Von außen sieht das riesige Museumsgebäude eher nach Parlament aus  - vor allem in Verbindung mit dem gegenüberliegenden, exakt baugleichen Kunsthistorischen Museum (hierhin gingen diejenigen Schülerinnen und Schüler am Vortag, die keine Führung zwischen Embryonen in Spiritus und syphiliszerfressenen Schädeln wünschten). Das NHM nun verfügt über eine der weltweit umfangreichsten Sammlungen an Mineralien und Tierpräparaten. Der größte jemals aufgefundene Meteorit ist hier ebenso zu finden wie das Skelett einer Stellerschen Seekuh. Am Ende der zwei Stunden, in denen sich alle Teilnehmer frei im Museum bewegen konnten, kam des öfteren die Klage auf, die Zeit habe nicht ausgereicht, um alles Interessante zu sehen (!). Nach der Mittagspause, die die meisten Teilnehmer wohl auf dem Naschmarkt verbracht haben, ging es dann zur zweiten Schatzkammer des Tages. Der am Dienstag nicht zugängliche Habsburger Kronschatz wartete ja noch auf seine Besichtigung. Und abermals zeigten die Schülerinnen und Schüler der Kursstufe 2 erstaunliches Interesse, vor allem an der legendären Reichskrone.

Kriege gehören ins Museum!
Mit diesem Slogan wirbt das Heeresgeschichtliche Museum, stilecht untergebracht im alten Arsenal (Adresse: Objekt 1). Und tatsächlich sorgt die historische Zusammenschau österreichischer Kriege und vor allem österreichischer Macht der vergangenen Jahrhunderte dafür, die Spötter von Tag 1 zum Schweigen zu bringen. Hierzu trägt überdies der Umstand bei, dass einige der wichtigsten Gegenstände der neueren Geschichte dort ausgestellt sind – unter anderem die blutbefleckte Uniform Erzherzogs Franz Ferdinand, die er beim Attentat von Sarajewo getragen hatte. Einziger Wermutstropfen bei diesem grandiosen – und wie alle (!) staatlichen Museen für Jugendliche unter 19 Jahren kostenlosen – Museum war die nicht vorhandene Freundlichkeit des Museumspersonals. Meine Empfehlung gemäß dem Motto des Museums: Kriege gehören ins Museum –  und der Kasernenton gehört auf den Kasernenplatz! Das war es dann fast gewesen. Im Anschluss folgte eine Vertiefung in das barocke Wien (Karlskirche) sowie eine Nachbetrachtung zu den Verdiensten der österreichischen Marine, die nicht nur im Heeresgeschichtlichen Museum (dort beachtet das Thema nämlich kaum einer), sondern auch am Praterstern Gestalt gewonnen haben.

Mehr gibt es nicht zu sagen, außer dass es – im positiven Sinn – nichts zu sagen gibt. Getreu der Devise Kaiser Franz Josephs I: „Viribus Unitis!“ („Mit vereinten Kräften!“) haben alle Beteiligten ihren Teil dazu beigetragen, dass diese Studienfahrt sich äußerst angenehm gestaltete.


Markus Benzinger, Frank Harteker