Die Reifeprüfung – Zur Übergabe der Abiturzeugnisse und der Abifeier 2015

„Es wird weggegangen“, das bedeutet der aus dem Lateinischen stammende Begriff „Abitur“ in wörtlicher Übersetzung. Dass jedoch mit dem Bestehen der Abiturprüfungen mehr verbunden ist als das bloße Verlassen der Schule, daran erinnerten die Festredner bei der diesjährigen feierlichen Übergabe der Abiturzeugnisse im Bad Wurzacher Barocktreppenhaus.


„Reifeprüfung“, so wurde das Abitur in früheren Zeiten gerne genannt. Und den Begriff der Reife stellte Schulleiter Pater Friedrich Emde in den Mittelpunkt seiner Rede. Ausgehend von dem Werk „Warum erwachsen werden?“ der amerikanischen Philosophin Susan Neiman reflektierte der Rektor über die bereits bei Kant zentralen Begriffe der Mündigkeit und der Urteilskraft – beides Zeichen für das Erwachsensein und die geistige Reife.

Diesem Gedankengang schloss sich auch die Rede der Elternvertreterin Dr. Brigitte Reuther an – dabei handelte es sich zugleich um die „Abschiedsrede“ der langjährigen Elternbeiratsvorsitzenden am Salvatorkolleg. Sie betonte am Beispiel von Friedrich Schillers berühmter Jenaer Vorlesung den Unterscheid zwischen geistlos-monotoner, letztlich frustrierender Brod-Gelehrsamkeyt und ganzheitlichem kreativ-lustvollem Denken. Dabei warb sie mit Nachdruck dafür, auch in Zeiten vollgestopfter Lehrpläne und verschulter Universitäten das Letztere zu bewahren. Mit der Metapher des Sprungturms, dessen Aufstiegsleiter Sprosse für Sprosse erklommen werden muss, umschrieb die Vertreterin der Abiturienten, Marie Waizenegger, die Schullaufbahn. Nun sei es Zeit, den Absprung zu wagen – und zu fliegen. Allen Begleitern bei diesem nicht immer leichten Unterfangen, den Eltern, Lehrern, der Schulleitung, dankte Marie auf diesem Weg in Namen des Abiturjahrgangs.


Seine Fortsetzung fand der Festakt im weniger offiziellen, dafür aber überaus unterhaltsamen Teil im Kurhaus, dem Abiball. In diesem Jahr lagen Gedichte, Lieder und „Delegationen“ im Trend, die den Kurslehrern Blumen, Geschenke und freundliche Dankesworte überbrachten. Zu den Highlights gehörte dabei ein Medley aus Titelsongs von Zeichentrickserien (Biene Maja, Heidi, Gummibärenbande) zu Ehren von Pater Friedrich Emde – hier in seiner Funktion als Fachlehrer des vierstündigen Religionskurses.

Ferner überraschten die Schüler des Chemie-Kurses ihren Lehrer Andreas Kolb mit einer selbst gedrehten Daily Soap namens Chemie Tag und Nacht. Einen Sketch über den angeblich nicht immer leichten Unterrichtsalltag, der allerdings die hohe Beliebtheit der Lehrerin kaum verhehlen konnte, gaben die Damen und der Herr aus dem Musik-Kurs für Barbara Sigg zum Besten. Wirtschafts-Lehrer Alexander Notz und Mathematiklegende Karl Guter (er darf seinen 36. [in Worten: sechsunddreißigsten!] Abiturjahrgang verabschieden) mussten sich in einer Neuauflage der Spielshow Dalli Dalli der Herausforderung durch das gegnerische Schülerteam stellen. Besonderen Applaus erhielt Hausmeister Franz Maucher, den die Bierbrau-AG mit einer anständigen Flasche selbstgebrauten Gerstensafts beschenkte – damit kein Neid aufkommen konnte, erhielten alle Besucher der Feier zum Abschied eine Flasche Salvator-Bräu.


Was sich nach dem offiziellen Ende der Feierlichkeiten im Kurhaus zugetragen haben mag, das entzieht sich der Kenntnis des Verfassers; in jedem Fall bildeten Zeugnisübergabe und Abifeier den würdigen Abschluss einer bemerkenswerten „Abi-Saison“: Die Reifeprüfung ist bestanden, es wird weggegangen.

 

Markus Benzinger