Von Schwedenkönigen, NVA-Offizieren und Steve Jobs – Vortrag „Zeit, sich einzumischen“ von Gerd Leipold am 28.05.14

In der Vortragsreihe der Stiftung Gymnasium Salvatorkolleg „Menschen überwinden Grenzen“ hat am Mittwoch, den 28.05.2014 der ehemalige Vorsitzende von Greenpeace International, Gerd Leipold, referiert. Der Vortrag kann als kommentierte Lesung begriffen werden; im Zentrum stand das von Leipold und dem schwäbischen Schauspieler Walter Sittler verfasste Buch, das den selben Titel trägt wie der Vortrag: „Zeit, sich einzumischen“. Und dieser hat seine Berechtigung. In den von Leipold vorgetragenen Episoden war jedes mal – immer ein wenig variiert – die Zivilcourage, das Sich-Einmischen das bestimmende Thema. Von exemplarischen Charakter war schon vor fast 400 Jahren das schwedische Kriegsschiff „Wasa“, das vom Größenwahn des Königs zeugte, aber auch von der Unmöglichkeit, dem Herrscher zu widersprechen und geltende Hierarchien zu überwinden: Nach weniger als zwanzig Minuten sank es wegen Überfrachtung und mangelnder Seetüchtigkeit auf der Jungfernfahrt. Bei einem weiteren Beispiel war Leipold unmittelbar beteiligt: Gemeinsam mit einem britischen Greenpeace-Aktivisten überwand er in den 1980er-Jahren die Berliner Mauer mit einem Heißluftballon – wohlgemerkt: von West nach Ost! – um damit gegen die atomare Rüstung zu protestieren. Die beiden Ballonfahrer wurden daraufhin von der Staatsmacht der DDR in Empfang genommen. Mit der Situation überfordert, zeigten die NVA-Männer (insbesondere der pedantische Offizier, der bei der Leibesvisitation Leipolds einen Plüschtiger fand) immer wieder die Lächerlichkeit der Macht. Als deutlich ernster erwies sich ein weiteres Kapitel aus Leipolds Vortrag, das anhand eines ungarischen Journalisten, der aus fast nichtigem Anlass seinen Job verloren hatte, belegte, wie weit Zivilcourage gehen kann. Leipold eigene Courage war dann wieder gefragt, als er beim Computer-Mogul und Apple-Firmengründer Steven Jobs zum Gespräch gebeten wurde. Seinem Ruf als Tyrann machte Jobs alle Ehre, Leipold gab aber zu bedenken, dass bei Jobs bei aller offensichtlichen Aggression stets auch eine Menge Engagement und Leidenschaft im Spiel gewesen sein. Die Frage bleibt, so Leipold, ob das nicht immer noch besser sei als vorgespielte Freundlichkeit und Heuchelei. Den Abschluss der Vortrags bildete eine erfrischende Geschichte aus der isländischen Hauptstadt Reykyavik (auch alle anderen Episoden sind in europäischen Hauptstädten – ehemaligen oder aktuellen – angesiedelt). Dort amtiert als Bürgermeister ein Comedian und Schauspieler. Als erste Amtshandlung führte dieser einen Tag der Höfichkeit, den „Guten Tag-Tag“ ein. Politik und Macht, so sei daran zu erkennen, müssen nicht zwangsläufig bedrohlich, technokratisch oder autoritär daherkommen. Zu Beginn und zum Ende des Vortrags kam auch der Heimatort Leipolds, Rot an der Rot, zur Sprache. Hatte der Vortragende in seiner Jugend geglaubt, in einem „katholischen Nordkorea der 50er-Jahre“ zu leben, so stellt er nunmehr fest, dass einerseits das Dorfleben nicht unbedingt mit Spießigkeit gleichzusetzen ist und andererseits auch Großstädte nicht vor Kleingeistigkeit schützen.

 

 

Markus Benzinger