Bonjour à la France! - Sophia Riedel in Reims

« Bonjour à la France! Moi, Sophia Riedel, je vais rester chez toi pour 9 semaines. »
Etwa so lautete mein erster Gedanke auf französisch, als ich während meiner Anreise auf die französische Paysages geblickt habe und ihn damals noch, nur mit Mühe zusammengeflickt bekommen habe. Wir fuhren circa 6 Stunden mit dem Auto, entlang weiter Flächen voll Weintraubensträuchern, welche die Region Champagne-Ardenne kennzeichnen.
In der Stadt angekommen bin ich schließlich um 1 Uhr, an einem Montag, dem 27. August. Das Wetter war eher gräulich und es lag schon der gewisse Odeur des Herbstes in der Luft. Für mich waren schon die ersten Einblicke in meinen neuen Wohnort, einer Großstadt, beeindruckend.
Reims, ungefähr gesprochen „Rrans“ (das „n“ nur angedeutet), ist eine eher provinzialische Stadt, die aber sehr viele alte Monumente hat und auch sehr viel Geschichte in sich trägt. Vielleicht haben Sie schon ein Mal von Reims gehört, oder besser gesagt, von seiner mächtigen, makellosen und unvergleichlichen Kathedrale: La Cathedrale de Reims. Auf jeden Fall erfuhr ich, dass meine Schule, Collège privé Notre Dame, beinahe direkt neben dieser Kathedrale ist. Wobei das Wohnviertel meiner Austauschfamilie weiter entfernt ist, in einem eher ruhigerem Teil und ich daher jeden Tag mit dem Bus fahren musste.
Es war geplant, dass meine Eltern eine Nacht in einem Hotel bleiben würden und am nächsten Morgen früh auf Wiedersehen sagen würden. Also blieb mir nicht mehr sehr viel Zeit mit ihnen übrig.
Ein Teil der Familie – bestehend aus dem Vater (Christophe) und der Mutter (Karine), welche geschieden sind, und den beiden Kindern Nicolas und Audrey, die Ältere von beiden – grüßten uns herzlich und zeigten uns kurz das Haus. Da die Schwester an dem Tag ihren 17. Geburtstag hatte, verzehrten wir genüsslich einen Schokoladenkuchen französischer Art und gaben ihr ein kleines Geschenk. Natürlich hatten wir auch Kostbarkeiten aus Deutschland, wie Wurst, Honig und Bier, für den Rest der Familie dabei.
Als es später wurde und Christophe zu seiner anderen Familie gehen musste, machten wir uns auf den Weg in das Coeur de la ville, das Stadtzentrum, um die letzte Nacht mit meinen Eltern beim Abendessen in einem Restaurant zu genießen.
Die verbliebene Zeit ging schnell vorbei und die Realität setzte ein, doch bevor ich meinen ersten Tag in der l’École français, einer Privatschule in Reims, verbringen würde, hatte ich noch eine Woche Ferien. Dies war eine gute Möglichkeit meine Austauschfamilie besser kennen zu lernen und Nicolas in seinem Alltagsleben zu sehen. Dafür hatte sich die Mutter auch diese Woche frei genommen.
Es ist eher selten, dass bei einem Austauschprogramm Mädchen und Junge zusammen kommen, ich hatte bei meiner Bewerbung „egal“ angekreuzt aus Hoffnung, dass ich dadurch mehr Chancen auf einen Platz hätte (außerdem war es schon ein bisschen knapp von der Zeit). Die ersten zwei Monate, die Nicolas bei uns verbrachte, waren ganz in Ordnung. Wir haben versucht, Dinge zu unternehmen, die ihm auch gefallen würden, wie zum Beispiel klettern, schwimmen, München besuchen etc. Insofern gab es wenige Probleme und ich war schon auf meine Zeit gespannt. Bei ihm war es natürlich anders; er war bei seiner Familie, fühlte sich dadurch natürlich wohler und verbrachte mehr Zeit in seinem Zimmer und mit seiner Schwester. Da ich es sowieso gewohnt war, machte es mir nicht viel aus die Zeit für mich alleine zu genießen und sie zu nutzen.
Aus all den gesammelten Erfahrungen und später auftretenden Konflikten mit Nicolas würde ich deshalb sagen, dass wir eher ein nicht so gutes Verhältnis hatten. Aber ich würde sagen, dass es mich zu guter letzt sehr viel mehr selbstständig und stärker gemacht hat.
Dadurch hatte ich auch mehr Zeit, vor allem die Mutter kennen zu lernen, sowie den Vater und den Rest der Familie, die ich nur mindestens ein mal pro Woche gesehen habe.
Die meiste Zeit mit Karine habe ich in der Küche verbracht, da sie nach ihrer Arbeit immer in die Küche gegangen ist. Die Zeit habe ich sehr genossen, da ich auch sehr gerne koche. Dies führte auch da dazu, dass ich für acht Leute am Ende meiner ersten Woche ein Drei-Gänge- Menu gemeistert habe.
Jeden Mittwoch haben wir, da es der kürzeste Tag von allen war – vergleichbar mit unserem Freitag – , gemeinsam „Desperate Houswives“ en français angeschaut, da es die Lieblingssendung der Schwester ist. An den Wochenenden hingegen waren wir entweder beim Vater oder blieben eben bei der Mutter und haben oft etwas gemeinsam unternommen.

Bereits nach der ersten Woche hatte ich schon ein paar Fortschritte mit meinem Französich gemacht und ich war bereit für meinen ersten Schultag: La rentrée stand jetzt auf der Liste.
Da mein Austauschschüler eine Klassenstufe unter mir ist, musste ich in seine Schule gehen, welche nur bis zu seiner Klassenstufe, der 9. Klasse – la troisième – geht.
Dennoch ist die Schule sehr gut, da sie auch besonders auf Austausch mit Deutschen Rücksicht nimmt und deshalb sehr offen gegenüber „Gästen“ ist. Deshalb durfte ich auch oft Madame Ramirez, der Verantwortlichen des Austauschs und auch meine „Tutorin“, bei Präsentationen, Vorstellungen etc. helfen.
Am ersten Schultag, welcher eigentlich nur aus 2 Stunden bestand, bekam ich alle wichtigen Informationen, wie Stundenplan, Materialliste und weiteres. Außerdem lernte ich die anderen 14 deutschen Austauschschüler kennen, von denen fünf in meiner Klasse waren. Es ist allerdings nicht der Regelfall, dass so viele deutsche Austauschschüler gleichzeitig in einer Schule sind.
Schon im L’emploi du temps (Stundenplan) konnte ich große Unterschiede erkennen. In Frankreich ist es üblich, dass jeder Ganztagsschule hat und außerdem ist eine Unterrichtseinheit viel länger als die unsere. Mittwoch, ist meistens der einzige kurze Tag, der sogar in meinem Fall nur aus drei Stunden bestand, aber auch noch kürzer sein kann.
Wie die Woche verging ergaben sich meine Lieblingsfächer, in denen ich viel mitarbeiten konnte, und natürlich auch Fächer in denen ich nicht so viel machen konnte, oder die sogar langweilig waren. Meine zwei besten Fächer waren Physique-Chemie und Français, da die Lehrer sehr nett waren und mir sehr viel weitergeholfen haben. Technologie war im Gegensatz dazu nicht so gut, da es nicht genug Computer für alle gab und ich deshalb nie mitmachen konnte.
Ein anderer Unterschied war auf jeden Fall die Kantine! Ich möchte nicht sagen, dass unsere Kantine nicht gut ist aber sie ist nicht vergleichbar mit dem Vier Gänge Menu, das jeden Tag in Frankreich angeboten wird. Allerdings ist alles ziemlich strikt geregelt, so dass jeder eine bestimmte Essenszeit bekommt.
Nach jedem Schultag habe ich versucht die Hausaufgaben – le devoir - der französischen Schule zu machen, aber selbstverständlich auch die Schularbeit von Deutschland nachzuarbeiten. Viel mehr Zeit blieb mir also unter der Woche nicht. Dafür aber haben wir an den Wochenenden fast immer etwas unternommen, wofür ich sehr dankbar bin.
So sind wir am ersten Wochenende in ein riesengroßes Schwimmzentrum gefahren und haben einen Film im Kino, natürlich auf französisch, angeschaut. Darauf sind wir in ein kleines Dorf, le Croix au bois (übersetzt das Kreuz im Wäldchen), gefahren und haben dort eine Familie besucht und sind auch Fahrrad gefahren. Die nächsten zwei Wochenenden verbrachten wir jedoch mit dem Vater in Paris und abermals im kleinen Dorf. Darauf nahm mich Karine wieder nach Paris, zeigte mir unter anderem das Versailler Schloss und ich durfte meinen Patenonkel besuchen, welcher dort wohnt. Das nächste Wochenende war wieder mit Christophe und wir gingen zum Disneyland Paris. Am vorletzten Wochenende organisierte  meine Austauschfamilie eine Abschiedsfeier und lud viele Klassenkameraden ein.
Mein allerletztes Wochenende bei den Stradys war dann beim Vater, und er ließ mich französischen Käse aussuchen und wir kochten alle gemeinsam mein „Abschiedsessen“.  Dieses Wochenende konnte ich gut nutzen, um mir einen Rückblick zu verschaffen und meinen „persönlichen Abschied“ von Frankreich zu nehmen.

Die Zeit geht viel schneller vorbei als man es sich je vorstellen würde, deshalb muss man jeden Moment leben. Jede Erfahrung, ob gut oder schlecht, hat mich weiter gebracht und stärker gemacht. Als ich ankam, musste ich noch überlegen, wie ich einen Satz formulieren sollte und machte mir oft Gedanken warum ich überhaupt nach Frankreich gegangen bin. Aber jetzt weiß ich, wofür ich so hart gearbeitet habe. Meiner Meinung nach kann man eine Sprache nur dann richtig lernen wenn man im Land aktiv mitarbeitet und lebt. Ich habe viel mehr als nur eine Sprache gelernt; eine neue Kultur, Lebensweise, gelernt mich durchzusetzten und mich in einem fremden Land mit vielen Konflikten auseinander zu setzten.
Als ich wieder zu Hause angekommen bin, fiel mir die Wiedereingliederung in mein Schulleben leichter, da meine Arbeit sich definitiv ausgezahlt hatte.

Deshalb war das Sprichwort, « ohne Fleiß kein Preis » , ein ständiger Begleiter meiner Reise.
« On ne fait pas d'omelette sans casser des oeufs. » (so viel wie : Man kann kein Omelette machen, ohne die Eier zu zerschlagen)

 

Sophia Riedel