Biologisches Kolloquium: Kulturlandschaften und biologische (Arten-) Vielfalt

Der Referent des diesjährigen biologischen Kolloquiums am Salvatorkolleg, Prof. Dr. Werner Konold, ist ein Diplomierter Agraringenieur und Inhaber des Lehrstuhls für Landespflege an der Fakultät für Forst- und Umweltwissenschaft der Universität Freiburg.

Seine ökologische Kompetenz hat den Besuchern die Augen bezüglich des Entstehens der vom Menschen geprägten Kulturlandschaft geöffnet. Gleichzeitig wurde ihnen aber auch klar, dass nicht alles, was grün auch ökologisch sinnvoll oder gar intakt ist.
„Macht euch die Erde untertan!“ Die biblische Aufforderung, die uns gegebene Welt zu nutzen, verstehen wir moderne Menschen oft zu einseitig, denn Nehmen sollte immer mit Geben gekoppelt sein. Unsere Welt ist uns im eigentlichen Sinne nicht gegeben, sondern nur geliehen worden. Aus diesem Grund werden viele Menschen - wenn sie den Raubbau unserer Welt betrachten - zu ökologischen Pessimisten. Alles, was der Mensch zu seinem Vorteil nutzt, seien es Flüsse, Seen, Meere, Wälder, Wiesen und u.a. Wüsten, nutzt er leider oft auch aus. Ein gesundes Maß kennen wir heutzutage oft nicht mehr.
Diese pessimistische Sichtweise ist jedoch ein zu pauschales Urteil.
Archäologische Funde aus dem Neolithikum (7000 Jahre v. Christus) belegen, dass die Menschen bereits damals Wälder im größeren Maßstab gerodet haben, um Ackerfläche und Bauholz zu gewinnen. Diese der Natur abgerungenen Areale mussten stets gegen die Rückeroberung verteidigt werden. Eine Folge dieser brachen Flächen war u.a. eine verstärkte Erosion von wertvollem Mutterboden und die darin enthaltenen Mineralsalze, die für das Pflanzenwachstum essentiell sind. Um dem Boden diese wichtigen Stoffe wieder zuzuführen, wurde in späteren Epochen Wiesen gewässert. Flüsse und Bäche wurden öfters von Menschenhand umgeleitet, um das Wasser den tieferliegenden Wiesen zukommen zu lassen. Die im Wasser mitgebrachten Mineralstoffe sowie die der mittransportierten Sedimente waren eine frühe Form des Düngens. Die Nutzpflanzen, v.a. Futterpflanzen, wuchsen üppiger. Mit dem Mehr an Futter konnte mehr Vieh ernährt werden, sodass die Fleisch- und Milchausbeute gesteigert werden konnte. Auch die Trübbewässerung durch Lössschwebstoffe, welche sich nach starken Regenfällen aus dem Gestein lösten und sich im Fließwasser anreicherten, diente als Mineralstofflieferant für die ausgezehrten Felder. Man könnte jetzt annehmen, dass der Mensch durch das künstliche Umleiten der Ressource Wasser bereits früher gravierend ins Ökosystem eingegriffen hat. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn sie erschufen oft unbewusst neue Lebensräume, welche von speziell angepassten Arten genutzt werden konnten. Unbewusst - das Wissen über die Folgen ihres Handelns existierte noch nicht - vergrößerte der Mensch durch den lokalen Eingriff also die Biodiversität. Auch künstlich angelegte Terrassenweinberge bieten Tier (u.a. vielen Eidechsenarten) und Pflanzen (beispielsweise  Iris, Feigenkaktus, aber auch Gemüse, Pfirsiche Tomaten oder gar Färbepflanzen, welche das mediterrane Klima im Weinberg bevorzugen) einen Lebensraum, welchen es ohne das anthropogene Ummodellieren nicht gegeben hätte. Neben Weinbergen sind auch Hutewälder (systematisch gepflanzte Baumgruppen, welche das Erodieren von Magerwiesen verhindern), Obstwiesen, Äcker und Allmende Weiden zu nennen. Diese Eingriffe hatten ebenfalls eine Vergrößerung der Artenvielfalt und -dichte zu Folge. Selbst der Versuch den Fluss Kander umzuleiten - er endete, was die Absicht der Menschen betrifft, im Desaster - schuf aus ökologischer Sicht ein neues Artenparadies, da unbeabsichtigt neue Lebensräume geschaffen wurden. Es stellt sich als die Frage, warum heute oft Klagen über den Artenschwund laut werden. Wir Menschen sorgen doch auch heute - indem wir unsere Bühne des Lebens umgestalten - für neue Lebensräume, die wiederum von vielen Arten genutzt werden können.
Die Evolution hat den Menschen mit einer einzigartigen Gabe ausgestattet, welche ihn körperliche „Mängel“ kompensieren lässt. Wir haben nicht bei weitem die Kraft eines Elefanten, das Durchsetzungsvermögen eines Nashorns oder  die Schnelligkeit eines Gepards. Diese Gaben der Natur benötigen wir aber auch gar nicht, denn wir besitzen ein hochkomplexes, „weitsichtiges“ und erfinderisches Organ, unser Gehirn. Es befähigt uns riesige Bagger, LKWs, Presslufthämmer u.ä. auszudenken und zu bauen. Nicht die Existenz dieser Hilfsmittel, sondern deren ungehemmter Einsatz macht den Menschen zur ökologischen Gefahr.
Während früher Steinbrüche für den Bau von Burgen, Schlösser, Kirchen und andere Bauten nur temporär genutzt wurden, die Natur also wieder Zeit gehabt hat, den neu entstandenen Lebensraum erfolgreich zu besiedeln, beuten wir moderne Menschen unsere Ressourcen bis zum letzten Ende, also bar jeder ökologischen Weitsicht, aus. Wirtschaftliches Handeln ist unser oberstes Prinzip. Unsere gierige Suche nach Rohstoffen, lässt uns blind werden, für die ökologischen Folgen unseres Handelns. Riesige Monokulturen (z.B. Mais und Weizen), intensivste Nutzung der landwirtschaftlichen Flächen und die Zerstörung von noch (relativ) intakten Lebensräumen, wären ökologisch „vertretbar“, wenn wir der Natur Zeit gäben, sich zu erholen, die Ressourcen wieder aufzubauen und die von uns beanspruchten Flächen wieder besiedeln zu können. Unsere Eingriffe dürften also nur nach dem Prinzip des Hin- und Wieder erfolgen; wir sollten uns nur ein Bisschen von der Natur nehmen und ihr nach dem „operativen Eingriff“ Zeit zur Genesung gönnen. Doch davon sind wir weit entfernt, denn wir wollen alles und das Alles permanent und das permanente Alles dazu noch im Überfluss.