Moral als biologische Anpassung (Carel van Schaik)

Das heurige Thema des Biologischen Kolloquiums am Salvatorkolleg „Die Moral als biologische Adaptation“ wird oft kontrovers diskutiert, denn es stellt eine der wichtigsten Errungenschaften des modernen Menschen in Frage: Seine Moral.
Der aus den Niederlanden stammende Professor Carel van Schaik (*1953) studierte an der Universität Utrecht Biologie; bis 1984 war er ein Mitarbeiter der Netherlands Foundation for the Advancement of Tropical Research. Nach einigen Jahren Forschung an der Princeton University wurde er zum außerordentlichen Professor am Institut für Biologie, Anthropologie und Anatomie der Duke University of Durham. Seit 2003 ist er Professor für Biologische Anthropologie und Direktor des Anthropologischen Instituts und Museums der Universität Zürich.
Carel van Schaik hat schon seit über dreißig Jahren das Verhalten von Affen - u.a. das der Orang-Utans auf den indonesischen Inseln Sumatra und Borneo - studiert, denn wenn wir verstehen wollen, „wie der Mensch zum Menschen wurde“, dann „müssen wir das Mosaik an Verhaltensweisen zusammensetzten, die in der Welt der Primaten vorkommen.“
Definiert man moralisch korrektes Handeln durch den kleinsten gemeinsamen Nenner, also die Prosozialität, den Altruismus  und das Befolgen der sozialen Normen einer Gesellschaft, so kommt man aufgrund der Freilandbeobachtungen von u.a. Orang-Utans zu einem interessanten Zwischenfazit:
Sie besitzen eine bestimmte Form – quasi eine Vorstufe – der (modernen) Moral. „Moral ist [bei den engsten Verwandten zwar] präsent, aber nicht das Maß des sozialen Handelns“, so van Schaik.
Betrachtet man jedoch die stammesgeschichtliche Entwicklung des modernen Menschen (Menschen und Affen haben gemeinsame Vorfahren) und die Tatsache, dass bereits eng verwandte Affen ihr Verhalten nach gewissen moralischen Grundwerten ausrichten können,  so muss man auf dem Weg der Menschwerdung nach der Entstehung der Moral suchen; sie wird unseren Vorfahren einen deutlichen Vorteil verschafft haben und ist demzufolge im Kern keine Errungenschaft des modernen Menschen.
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