Auszug aus dem Buch "Lob der Schule"

Auszüge aus: Joachim Bauer, „Lob der Schule“ – Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern, Hoffmann und Campe Verlag, 2007

 

Aus Kapitel 5 „Eltern“, S. 91 f

Nobody is perfect, auch Eltern nicht, und sie sollen es auch gar nicht sein! Eltern stehen selbst im Leben und unter dem von der Realität ausgehenden Druck und können daher nicht in jeder Situation gegenüber ihren Kindern optimal reagieren.

Es gibt keine „politisch korrekte“, fehlerfreie Erziehung. Eltern müssen, ebenso wie Lehrerinnen und Lehrer, Fehler machen dürfen. Wichtiger als eine angeblich „perfekte“ Pädagogik ist, dass sich beide Seiten, Eltern wie Lehrer bewusst werden, sich ihrer Verantwortung besinnen und mit sich – und miteinander – zu Rate gehen, wie man dem einzelnen Kind, dem einzelnen Jugendlichen optimal gerecht werden und seine Entwicklung fördern kann.

 

Vielen Eltern gelingt die Zusammenarbeit mit der Schule gut.

 

Wo dies nicht der Fall ist, sind zwei Muster zu beobachten: Einerseits gibt es Eltern, die sich engagieren, dabei aber immer wieder Konflikte mit der Schule bzw. den Lehrern ihrer Kinder austragen. Auf der anderen Seite stehen Eltern, die sich gleichsam unsichtbar machen und selbst dann, wenn sich die Schule um einen Kontakt bemüht, nicht zu erreichen sind.

 

Seite 93f

Aus einer bisher zweiseitigen Beziehung zwischen Eltern und Kind wird eine dreiseitige Konstellation zwischen Eltern, Kind und Schule.

 

Folge davon:       (Stichwort: BEZIEHUNGSLERNEN)

 

Die Institution Schule erhält neben den Eltern einen erheblichen Einfluss auf das Kind. Lehrkräfte und Eltern nehmen insoweit nun potenziell konkurrierende pädagogische Positionen ein, die von beiden Seiten emotional stark wahrgenommen werden. Nicht überall ergibt sich daraus eine Kooperation.

Für das Kind ist die Lage angesichts dieser Triangulierung (Dreiecksbildung) ganz ähnlich wie zuvor in der gewohnten Familienkonstellation mit der potenziellen Konkurrenz zwischen Vater und Mutter: Kinder entwickeln sich am besten, wenn beide Elternteile kooperieren (dies gilt auch, wenn sie in vielen Dingen unterschiedlicher Ansicht sind, ja selbst dann, wenn sie getrennt leben). Aus Sicht des Kindes ähnelt das dem Verhältnis zwischen Schule und Eltern. Wo diese nicht kooperieren, bleibt das Kind auf der Strecke. Wie soll es in die Lage kommen, sich innerlich auf die Schule einzulassen, Motivation aufzubauen und sich mit den Bildungszielen zu identifizieren, wenn es spürt, dass die Eltern Vorbehalte gegenüber der Schule haben, dass die Eltern meinen, das Kind vor den Lehrern schützen zu müssen, oder wenn die Eltern gar einen mehr oder weniger offenen Krieg gegen die Schule führen?

Motivation einerseits und aktuelle Beziehungen mit Erwachsenen andererseits sind für das Kind untrennbar miteinander verbunden: Es lernt – aus der Sicht seiner neurobiologischen Motivationssysteme – durchaus „für den Lehrer“ bzw. „für die Lehrerin“. Das Kind wird aus einer Hand, die ihm eine Person (Lehrerin oder Lehrer) reicht, für die seine Eltern keinen Respekt empfinden, nichts annehmen. Es sieht die Welt durch die Augen seiner Eltern