Mein Jahr in Costa Rica


„Nici, ya. Son las cinco y media“, dringt ein leises, aber bestimmtes Flüstern in mein Zimmer. Verschlafen blinzle ich unter meiner rosa Decke hervor. Aus der Küche fällt ein wenig Licht in mein Zimmer. Es riecht nach Kochbananen. 5.30 Uhr. Mein Tag beginnt.

Aber es ist nur ein Tag von vielen, die ich während meines 11. Schuljahres in Costa Rica, einem kleinen Land Mittelamerikas, verbrachte. Dass es gerade Costa Rica sein sollte, war mir lange Zeit gar nicht klar. Doch dass ich ein Jahr ins Ausland wollte, wusste ich schon anfangs der 10. Klasse. Nachdem ich mich bei etlichen Organisationen über deren Programme informiert hatte und mit einigen ehemaligen Austauschschülern gesprochen hatte, wusste ich dann, was ich wollte. Ich wollte in ein Land gehen, in dem ich eine neue Sprache lernen konnte: Spanisch. So kam ich auf Lateinamerika. Meine Eltern jedoch zeigten sich von dieser Idee nicht überaus begeistert. „Wie ist das mit der Sicherheit? Kriminalität? Politische Stabilität?“ Fragen über Fragen. Mehr oder weniger zufällig stieß ich dann im Internet auf meine zukünftige Schule: die Humboldt Schule. „Deutsche Schule San José“, stand da. Ich nahm das Telefon in die Hand und dann ging alles ziemlich schnell. Der dortige Schulleiter sicherte mir einen Platz an seiner Schule und eine Gastfamilie zu. Ich war meinem Ziel einen Riesenschritt näher gekommen! Das Abendteuer konnte beginnen! Doch bis ich schlussendlich im Flieger saß, kam mir doch noch der ein oder andere Zweifel: Konnte ich das überhaupt alles schaffen? Mein vertrautes Umfeld hinter mir zu lassen und mich ganz allein in der Fremde zurechtzufinden?

Im Nachhinein kann ich kaum noch beschreiben, wie ich die ersten Wochen „überstanden“ habe. Stotternd, lachend und wild gestikulierend vermutlich. Meine Neugierde, die Freude am Ausprobieren und meine unendliche Motivation haben mir sehr geholfen. Es war unglaublich aufregend, von so vielen Eindrücken überhäuft zu werden. Die Schule, die Menschen, die Häuser, die Straßen, die Sprache, das Essen, das Klima… einfach alles war anders! Schon beim Bäcker ein paar Brötchen zu holen war spannend. Wie sollte ich ohne Spanischkenntnisse einem einfachen Bäcker denn verständlich machen, was ich wollte?! „Milquinientos Colones“, sagte er. Klingt nach verdammt viel Geld. Es sind etwa zwei Euro. So wurde jede Kleinigkeit zu einem Abendteuer und ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

In der Schule dagegen war der Kulturschock nicht so groß. Weil ich auf eine deutsche Schule ging, konnten einige gut deutsch sprechen, was mir den Einstieg erleichterte. Die Lehrpläne und Unterrichtsverfahren sind größtenteils an die deutschen angeglichen, und doch gibt es im Schulalltag einige Unterschiede. Das Tragen einer Schuluniform ist natürlich obligatorisch. Auch der tägliche Nachmittagsunterricht und somit das Mittagessen an der Schule gehören dazu. Allgemein fiel mir auf, dass die Schule bei meinen Mitschülern einen sehr hohen Stellenwert hat. Dies hängt sicherlich auch mit den Erwartungen der Eltern zusammen, die, entsprechend dem Schulgeld für angesehene Privatschulen, auch ziemlich hoch sind. Öffentliche, vom Staat finanzierte Schulen haben wegen Mangel an Lehrern und finanziellen Mitteln einen schlechten Ruf. So schickt jeder, der es sich nur irgendwie leisten kann, seine Kinder auf eine private Schule. Die Stimmung unter den Schülern empfand ich trotzdem als sehr positiv. Es wurde viel gealbert und gelacht, was durch die quirlige und fröhliche Art der Ticos (=kurz für Costaricaner) leicht zu verstehen ist.

Egal wo ich war, es fiel mir nie schwer, mit so offenen und herzlichen Menschen ins Gespräch zu kommen. Sie interessierten sich sehr für Deutschland, die Sprache und die Kultur. Trotz meinen Bemühungen, vieles davon zu vermitteln, schien es manchmal sehr fremd und weit weg zu sein. Aber man kann ja auch nicht erwarten, dass ein Mensch, der in einem tropischen Land aufgewachsen ist, sich viel unter Kälte und Schnee vorstellen kann, wenn er bei 15°C meint, dass schon wieder „Winter“ sei…

Schnell waren die Ticos auch darin, mir mit Stolz alles Denkbare über ihr Land zu erzählen. Sie schwärmten pausenlos von den vielen tollen Orten, die es in Costa Rica zu sehen gab. Die allzu offene Art der Ticos lies mich leider zum Teil auch misstrauisch werden. Manchmal unterhielt ich mich im Bus, auf der Straße oder sonst wo ein, zwei Stunden mit fremden Menschen; und schon sprachen sie mich mit „meine Liebe“, „Hübsche“ oder „Wertvolle“ an. In der deutschen Übersetzung klingt dies ein bisschen aufdringlich, dementsprechend wurde ich etwas zurückhaltender oder misstrauisch. Doch mit der Zeit lernte ich, dass dieser Wortlaut nicht allzu ernst zu nehmen ist, sondern sich vielleicht eher mit dem ihnen nachgesagten „lateinamerikanischen Temperament“ erklären lässt…

Dieses Temperament konnte ich auch bei meiner Gastfamilie wieder finden. Allein die Tatsache, dass wir als Großfamilie mit etwa 10 Haustieren in einem kleinen Haus mitten in der Stadt wohnten, macht das Leben ziemlich bunt. Dort ist immer was los und es wird viel getratscht. Das Familienleben ist den Costaricanern sehr wichtig und sie sind auch gerne unter sich. Besuch war in unserem Haus selten; und wenn einer kam war das eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. Diese Erfahrung machte ich, als in den Osterferien meine Eltern zu Besuch kamen. Tage vorher wurde das ganze Haus auf den Kopf gestellt – es wurde geputzt, gewaschen, die Möbel wurden umgestellt, der Kühlschrank aufgefüllt… Das war mir ziemlich unangenehm, doch natürlich wollte meine Gastfamilie wie so oft einen guten Eindruck hinterlassen. In der Freizeit nahm meine Gastfamilie meist das wahr, was das Stadtleben so zu bieten hat: ein Einkaufszentrum, ein Kino und einige Eisdielen.

Außer mit der Familie konnten meine beiden Gastschwestern (11 und 15) jedoch kaum etwas unternehmen. Kinder, insbesondere Mädchen, werden stark behütet, weil die Eltern unglaubliche Angst vor dem haben, was ihnen auf der Straße alles passieren könnte. Meine Gasteltern gestanden mir doch etwas mehr Freiheiten zu, aber ich brauchte einige Zeit, bis ich selbst einigermaßen einschätzen konnte, was ich machen konnte und was zu gefährlich war. In belebten Stadtteilen, in denen ich mich auskannte, war es kein Problem, mich frei zu bewegen. Sobald es dunkel war ging ich jedoch nicht mehr allein auf die Straße. Anfangs fühlte ich mich etwas hilflos und eingesperrt, doch sobald ich einige Erfahrungen gesammelt hatte, wusste ich ganz gut, wie ich damit umgehen musste.

Ganz anders schien mir das Leben auf dem Land zu sein. Ich versuchte, sooft es irgendwie möglich war, mit Freunden aus der Stadt zu fahren, denn Costa Rica hat wirklich mehr als eine überfüllte Hauptstadt zu bieten: brodelnde Vulkane, tropische Regenwälder mit einer beeindruckenden Tier- und Pflanzenwelt und kilometerlange karibische Palmenstrände. Auf dem Land merkt man auch einen deutlichen Unterschied in der Entwicklung: die Menschen, die größtenteils in der Landwirtschaft tätig sind, leben ich ärmlichen Verhältnissen und Straßen und öffentliche Verkehrsmittel sind sehr schlecht bzw. gar nicht vorhanden. Trotzdem liebte ich das Leben auf dem Land, denn was gibt es schöneres, als von Brüllaffen geweckt zu werden und Bananen direkt vom Baum zu frühstücken?!

So konnte ich kaum realisieren, wie schnell mein Jahr vorüber ging. Alles, was mir anfangs fremd schien, ist mir so vertraut geworden. Das Schönste jedoch war, dass ich mit der Zeit das Gefühl hatte, richtig dazuzugehören und das zu haben, was wirklich wichtig ist: Menschen, mit denen man teilen kann und die einem helfen, wenn man Hilfe braucht. Innerhalb von elf Monaten bin ich so in mein anderes Leben hineingewachsen, dass ich mir nicht vorstellen wollte, all das wieder zu „verlieren“. Ich habe nicht alles „verloren“. Was bleibt, sind Freundschaften, Erfahrungen und Erinnerungen. Doch eins ist mir klar geworden: Die Chance, Teil einer anderen Kultur zu werden und dabei das Leben so intensiv zu spüren, hat man nur ein Mal im Leben. Und diese Erfahrung kann mir keiner nehmen.

Nicole Buschle (Jahresheft 2009)